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Intelligenz - Training der Exekutiven
Funktionen (Steigert
Task-Switching-Training die
Intelligenz?)
Unter
dem Terminus „Exekutive Kontrolle“ werden eine Reihe kognitiver Funktionen
höherer Ordnung zusammengefasst, die zielorientiertes Verhalten
organisieren und regulieren (Kray, Karbach, Haenig & Freitag, 2011).
Miyake, Friedman, Emerson, Witzki und Howerter (2000) unterscheiden zwischen
drei Teilfunktionen: 1.Wechsel der Aufmerksamkeit zwischen Aufgaben
(Shifting), 2. Aktualisierung und Überwachung von Informationen im
Arbeitsgedächtnis (Updating), 3. Inhibition nicht adäquater Reaktionen
(Inhibition).
Erste Experimente, in
denen mithilfe eines Aufmerksamkeitstrainings Effekte auf
Intelligenztestleistungen erzielt werden konnten, wurden von Rueda, Rothbart,
McCandliss, Saccomanno und Posner (2005) publiziert. Das verwendete
Trainingsprogramm war in seiner ursprünglichen Version von
der National Aeronautics and Space
Administration (NASA) in der
Ausbildung von Makaken-Affen für den Weltraumeinsatz verwendet
worden.
Um die exekutiven Funktionen von 4- und 6-jährigen
Kindern zu trainieren, wurde das Programm weiterentwickelt und erhielt einen
spielerischen Charakter. Das Training umfasste (bei Experiment 1 und 2) neun, (bei
Experiment 3) zehn unterschiedliche Aufgabentypen, die mit zunehmenden Fähigkeiten
der VPn schwieriger wurden. Insgesamt trainierten 24 vierjährige und 12
sechsjährige Kinder an fünf Tagen, über einem Zeitraum von 2-3 Wochen. Zur Messung
von Intelligenzveränderungen wurde der Kaufman Brief Intelligence
Test (Kaufman & Kaufman, 1990)
durchgeführt. Für die Gruppe der 4-jährigen konnte eine signifikante Gruppe x
Session Interaktion festgestellt werden. Im Vergleich zur Kontrollgruppe hatten die
Kinder der Experimentalgruppe ihre Leistungen sowohl im Matrizentest als auch in
der Gesamt-Intelligenz signifikant steigern können. In der Gruppe der 6-jährigen
erreichte die Gruppe x Session Interaktion kein Signifikanzniveau. Die Analyse
vorhergesagter Pre- vs. Post-Differenzen durch den Einsatz geplanter Kontraste wies
jedoch auf signifikante (verbale Intelligenz) und marginal signifikante (Matrizen,
Gesamt-Intelligenz) Verbesserungen in der Experimentalgruppe hin. Dagegen ließen
sich in der Kontrollgruppe keine signifikanten Effekte feststellen. Die Autoren
sehen trainingsinduzierte Reifungsprozesse in den exekutiven Funktionen als Ursache
für die verbesserten Leistungen im Intelligenztest. Da allerdings keine
Follow-up-Untersuchung durchgeführt wurde, bleibt die Frage, wie lange die
verbesserten Leistungen konserviert werden konnten, ungeklärt.
Task Switching
Training (Karbach und
Kray, 2009; 2011)

Ausgehend von Beobachtungen zur neuronalen Plastizität, wonach
Gehirne jüngerer Menschen eine größere Veränderbarkeit aufweisen, besteht Grund
zu der Annahme, dass die Möglichkeiten auf die Intelligenz einzuwirken, stark
altersabhängig sind. Garlick (2002) vermutet daher, dass nur bei Menschen, die
nicht älter als ca. 16 Jahre sind, substanzielle Veränderungen in der
Intelligenz erzielt werden können. Zu den bisher wenigen Studien, die gegen
diese Hypothese sprechen, zählt die Studie von Karbach und Kray (2009), in der
sowohl Kinder, Erwachsene, als auch ältere Erwachsene ein
Task-Switching-Training absolvierten. Das Durchschnittsalter der drei gleich
großen Versuchsgruppen lag bei 9, 22 und 69 Jahren. Insgesamt trainierten 126
VPn an vier Tagen ca. 30 – 40 Minuten. Pre- und Post-Test eingerechnet,
erstreckte sich die Untersuchung über einen Zeitraum von 6-8 Wochen, sodass die
VPn ungefähr einmal in der Woche trainierten. Im Gegensatz zu dem Training von
Rueda et al. (2005), bei welchem eine ganze Batterie unterschiedlicher Aufgaben
zur Verbesserung der exekutiven Kontrolle der 4 – 6-jährigen Kinder zum Einsatz
gekommen war, setzten Karbach und Kray ausschließlich auf
Task-Switching-Aufgaben. Durch die Konzentration auf einen Aufgabentyp ging man
dem Problem aus dem Weg, nicht identifizieren zu können, welche Aufgaben mehr
und welche Aufgaben weniger, zum Trainingserfolg beigetragen hatten. Das
Task-Switching-Training bestand aus zwei Einzelaufgaben, die für sich genommen,
leicht zu bewältigen waren. Zum Beispiel mussten die VPn in Aufgabe A per
Tastendruck antworten, ob es sich bei einer auf dem Computerbildschirm
präsentierten Frucht um ein Gemüse oder um eine Obstsorte handelte. In Aufgabe B
musste entschieden werden, ob es sich um ein großes oder ein kleines Bild
handelte. Es wurden 16 Obst-Bilder und 16 Gemüse-Bilder präsentiert, von denen
jedes sowohl in großer als auch in kleiner Ausführung eingeblendet wurde.
Während 42 VPn der aktiven Kontrollgruppen erst alle Aufgaben vom Typ A und dann
alle Aufgaben vom Typ B beantworten durften, wurde von den VPn der
Experimentalgruppen stets nach jedem Durchgang verlangt, zwischen Aufgabe A und
B zu wechseln. Trotz der relativ geringen Trainingsdauer zeigten sich die
Probanden der Experimentalgruppen im Post-Test in allen erhobenen kognitiven
Tests überlegen. Sie erreichten signifikant bessere Ergebnisse in einer
Stroop-Aufgabe, in Arbeitsgedächtnis-Aufgaben (verbal, räumlich) und in Tests
zur fluiden Intelligenz. Zur Testung der fluiden Intelligenz wurden neben
Raven’s Standard Progressive Matrices (RSPM; 1988) auch Aufgaben zum
figural-induktiven Denken und zum logischen Fortsetzen von Buchstabenreihen
(vgl. Lindenberger, Mayr & Kliegel, 1993) eingesetzt. Besonders
bemerkenswert ist das Ergebnis, dass entgegen der Hypothese zur Abnahme der
neuronalen Plastizität mit zunehmendem Alter, auch bei jungen und älteren
Erwachsenen Trainingseffekte zu verzeichnen waren. Die Effektstärken für die
meisten gemessenen Veränderungen lagen bei >.70 für Kinder, bei >.60 für
junge Erwachsene und bei >.40 für ältere Erwachsene. Die Autoren erklären
sich den Erfolg des Trainingsprogramms damit, dass das Bearbeiten der
Task-Switching-Aufgaben mehrere exekutive Prozesse auf einmal erfordere. Da die
VPn beispielsweise keine externen Hinweise erhalten hätten, wann Sie sich von
einer Aufgabe auf die nächste umstellen sollten und stattdessen der Regel
folgten, bei jedem zweiten Durchgang zu wechseln, seien die Anforderungen an die
Aufrechterhaltung des Zielfokus (goal maintenance) permanent hoch gewesen. Zudem
habe das Training ein konstant hohes Maß an Interferenzkontrolle (interference
control) abverlangt, da die präsentierten Stimuli aus Merkmalen bestanden, die
jeweils für beide Einzelaufgaben von Relevanz waren und der gegenwärtig
irrelevante Stimulus unterdrückt werden musste.
Da die beobachteten
Effekte insbesondere für die Behandlung von Kindern mit AD(H)S-Diagnose von
großer klinischer Bedeutung sein könnten, unternahmen Kray, Karbach, Haenig
und Freitag (2011) den Versuch, die Ergebnisse an einer Stichprobe von
20 männlichen 8-12-Jährigen zu replizieren. In einem
Crossover-Training-Design trainierten zunächst zehn VPn über einen Zeitraum
von 4 Wochen (jede Woche eine 30-40 minütige
Trainingsesssion) Task-Switching-Blöcke, während die anderen zehn VPn
Single-Task-Blöcke trainierten. Nach einem ersten Post-Test, wechselten die
Trainingsbedingungen, sodass letztlich alle VPn beide Trainingsprogramme
absolvierten. Nach weiteren vier Wochen wurde ein zweiter Post-Test
durchgeführt. Abgesehen von dem aus ethischen Gründen verwendeten
Crossover-Training-Design – beide Gruppen sollten die Möglichkeit haben das
Task-Switching-Training zu absolvieren – unterschied sich das
Trainingsprogramm weder im Trainingsumfang noch in der Art der eingesetzten
Aufgaben von dem aus der vorausgegangenen Studie. Während die Ergebnisse der
Post-Tests hinsichtlich Stroop-Aufgabe und verbales Arbeitsgedächtnis eine
Replikation der Ergebnisse der ersten Studie darstellen, gelang es nicht,
auch für den Test zur fluiden Intelligenz trainingsinduzierte Verbesserungen
nachzuweisen. Allerdings könnte dies auch darauf zurückzuführen sein, dass
man auf einen anderen Intelligenztest zurückgegriffen hatte. Anders als in
der ersten Studie kamen diesmal die Matrizen aus dem
Hamburg-Wechsler-Intelligenz-Test für Kinder – IV (HAWIK-IV, Petermann &
Petermann, 2007) zum Einsatz.
Die Forschung zur
Trainierbarkeit exekutiver Funktionen steckt noch in den Kinderschuhen. Durch
den Einsatz computerbasierter Trainingsprogramme ließen sich erste
vielversprechende Ergebnisse zeigen (Karbach & Kray, 2009; Kray et al.,
2011; Rueda et al., 2005; Shalev, Tsal & Mevorach, 2007). Aufgrund des
relativ geringen zeitlichen Aufwands lassen vor allem die Ergebnisse des
Task-Switching-Trainings Raum für Fantasie: Könnte ein intensiveres
Trainingspensum sogar noch wesentlich größere Effekte erzeugen? Ließe sich das
Training auch als Präventionsmaßnahme gegenüber demenziellen Erkrankungen
einsetzen? Ähnlich wie schon bei Rueda et al. (2005) ist allerdings auch für das
Task-Switching-Training bisher unklar, wie lange die Effekte aufrecht bleiben.
Daher sollten zukünftige Studien auch Follow-up-Testungen mit
einschließen.
Literatur:
Garlick, D. (2002). Understanding the Nature of the General Factor of Intelligence:
The Role of Individual Differences in Neural Plasticity as an Explanatory
Mechanism. Psychological Review, 109,
116-136.
Karbach J., Kray J. (2009). How useful is executive control training? Age differences in near
and far transfer of task-switching training. Dev. Sci. 12, 978–990. doi:
10.1111/j.1467-7687.2009.
Kaufman, A. S. & Kaufman,
N. L. (1990). Kaufman Brief Intelligence Test–Manual. Circle Pines, MN:
American Guidance
Service.
Kray J, Karbach J, Haenig S, Freitag C.
(2011). Can task-switching training enhance executive control functioning in
children with attention deficit/-hyperactivity disorder? Front Hum Neurosci.
2011;5:180.
Lindenberger, U., Mayr, U., &
Kliegl, R. (1993). Speed and intelligence in old age. Psychology and Aging, 8,
207–220.
Miyake, A.,
Friedman, N.P., Emerson, M.J., Witzki, A.H., Howerter, A., Wager, T. (2000). The
unity and diversity of executive functions and their contributions to complex
"frontal lobe" tasks: A latent variable analysis. Cognitive Psychology,
41, 49–100.
Petermann F. & Petermann U.
(2007). WISC-IV: Wechsler Intelligence Scale for Children - IV. Bern:
Huber.
Raven, J. C. (1988). Standard
Progressive Matrices. Weinheim: Beltz.
Rueda, M.R.,
Posner, M.I., & Rothbart,M.K. (2005) The development of executive attention:
contributions to the emergence of self regulation. Developmental Neuropsychology
28, 573-594
Rueda, M.R.,
Rothbart, M.K.. & Saccamanno, L. & Posner, M.I. (2005)
Training,maturation and genetic influences on the development of executive
attention. Proc.U.S Nat'l Acad of Sciences 102,
14931-14936.
Shalev, L., Tsal Y., &
Mevorach C. (2007) Computerized progressiveattentional training (CPAT)
program: Effective direct intervention for childrenwith ADHD. Child
Neuropsychology, 13, 382-388.
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