Intelligenztraining für Kinder mit AD(H)S
? (COGMED-
Arbeitsgedächtnistraining - Torkel
Klingberg)
Die ersten verheißungsvollen Ergebnisse eines
adaptiven Arbeitsgedächtnistrainings wurden von Klingberg, Forssberg & Westerberg (2002) vorgelegt.
Insgesamt 14 Kinder im Alter zwischen 7 und 15 Jahren, bei denen zuvor ADHS
diagnostiziert worden war, wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die sieben
Kinder der Experimentalgruppe trainierten 5-6 Wochen drei adaptive
Arbeitsgedächtnisaufgaben und eine Auswahl-Reaktionszeitaufgabe. (1)
Visuell-räumliche AG-Aufgabe: In einem 4x4 Rastergitter wurden nacheinander
Kreise eingeblendet. Kurz nach Auftauchen des letzten Kreises, mussten die
Stellen, an denen die Kreise erschienen waren, in der richtigen Reihenfolge
per Mausklick identifiziert werden. (2) Digit Span Backwards (DSB): Auf dem
Bildschirm wurde eine Zahlentastatur eingeblendet und einzelne Zahlen
vorgelesen. Die VP musste die Zahlen in umgekehrter Reihenfolge markieren.
(3) Buchstabenspanne (letter-span): Zuerst wurden einzelne Buchstaben
nacheinander vorgelesen. Die VP sollte sich sowohl den Buchstaben als auch
die Reihenfolge der Buchstaben merken. Danach wurde eine Reihe von Lämpchen
eingeblendet. Durch Aufblinken eines Lämpchens wurde der VP signalisiert,
welcher Buchstabe wiedergegeben werden sollte. Wenn z.B. das dritte Lämpchen
aufblinkte, sollte der Buchstabe genannt werden, der als drittes zu hören
gewesen war. (4) Auswahl-Reaktionszeitaufgabe (choice reaction time task):
Auf dem Bildschirm waren zwei graue Kreis zu sehen. Jedem der Kreise war eine
Taste zugeordnet. Färbte sich einer der Kreise grün ein, musste die
zugeordnete Taste gedrückt werden. Wurde der Kreis rot, durfte die Taste
nicht gedrückt werden.
Nach 10-18 Tagen wurden die Aufgaben (1) und (2) durch
anspruchsvollere Versionen ersetzt. In dieser zweiten Version wurde der Abruf
der Informationen durch einen visuellen Distraktor nach der Darbietung der
Kreise bzw. Zahlen erschwert. Bei allen Arbeitsgedächtnisaufgaben wurde in
der Experimentalgruppe der Schwierigkeitsgrad durch Erhöhung der Stimuluszahl
an die steigenden Fähigkeiten der VPn angepasst. Die Kinder der
Kontrollgruppe trainierten zwar die gleichen Aufgaben, allerdings trainierten
sie wesentlich kürzer und stets auf gleich bleibendem, niedrigem
Niveau.
Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten die Kinder,
die am Leistungslimit trainiert hatten, im Posttest bessere
Transferleistungen in einem Arbeitsgedächtnistest (span board task), in einer
Stroop-Aufgabe und beim Lösen einer Intelligenztestaufgabe (Raven’s Coloured
Progressive Matrices; RCPM; Raven, 1995). Zudem ließen sich im Vergleich zum
Pretest bei ihnen beim Bearbeiten einer 15 minütigen Leistungsaufgabe auch
signifikant weniger Kopfbewegungen registrieren. Die mit einer Infrarotkamera
gemessenen Kopfbewegungen hatten in einer früheren Studie mit
Lehrereinschätzungen der Hyperaktivität von Kindern korreliert (Teicher, Ito,
Glod, & Barber, 1996) und nach Medikation deutlich nachgelassen (Teicher
et al.,
2000).
Aufbauend auf diesen vielversprechenden Ergebnissen
führten Klingberg et. al. (2005) eine zweite multi-zentrierte, randomisierte,
Placebo-kontrollierte Doppelblind-Studie an einer größeren Stichprobe (53
Kinder mit ADHS-Diagnose) durch. Die trainierten Arbeitsgedächtnisaufgaben
sind mit den Aufgaben der ersten Studie vergleichbar und wurden mit dem
kommerziell erwerbbaren Computerprogramm RoboMemo® (Cogmed; Cognitive Medical
Systems AB, Stockholm, Schweden) durchgeführt. Insgesamt erreichten 20 Kinder
der Experimentalgruppe und 24 Kinder der Kontrollgruppe das
Compliance-Kriterium (>20 Tage Training). Im Durchschnitt trainierten die
Kinder der Experimentalgruppe 25.2 (SD = 2.2) Tage und die Kinder der
Kontrollgruppe 26.2 (SD = 2.6) Tage. An jedem Tag trainierten die 7-12 zwölf
Jahre alten Kinder ca. 40 Minuten. Der einzige Unterschied zwischen den
beiden Versuchsbedingungen bestand in dem adaptiven Charakter des
Arbeitsgedächtnistrainings in der Experimentalgruppe. Während die Kinder
dieser Gruppe also ständig an der Grenze der eigenen
Arbeitsgedächtniskapazität trainierten, fand das Training der Kontrollgruppe
auf gleich bleibend niedrigem Schwierigkeitslevel statt.
Kurzes Werbevideo der Firma
COGMED, in dem das RoboMemo®-Programm
vorgestellt wird...
Die Ergebnisse scheinen die Befunde aus der ersten
Studie weitgehend zu bestätigen. Direkt nach dem Training schnitt die
Experimentalgruppe sowohl im Digit Span Test (d = 0.59), in der
Stroop-Aufgabe (d = 0.34) als auch in den RCPM (d = 0.45) signifikant besser
ab. Eine Reduktion der Kopfbewegungen, welche als Hinweis auf eine
Verringerung der Hyperaktivitätssymptomatik hätte dienen können, wurde nicht
festgestellt. Allerdings gaben die Eltern der Experimentalgruppe signifikant
häufiger an, eine Verbesserung der Symptome durch das
Arbeitsgedächtnistraining wahrgenommen zu haben. Die subjektiven
Verhaltenseinschätzungen der Lehrer wiesen dagegen keine signifikanten
Veränderungen auf. Um die Stabilität der beobachteten Effekte zu untersuchen,
wurde drei Monate nach Beendigung des Trainings eine Follow-up-Untersuchung
durchgeführt. Obwohl die Werte der Experimentalgruppe für den Digit Span Test
(d = 0.57), den Stroop-Test (d = 0.25) und den Raven-Matrizentest (d =0.30)
entweder auf dem gleichen Niveau oder etwas höher ausfielen, war im Vergleich
zur Kontrollgruppe nur der Digit Span Test signifikant. Klingberg et al.
(2005) führen Deckeneffekte für den geschmolzenen Leistungsunterschied
zwischen Experimentalgruppe und Kontrollgruppe an. Bereits im Posttest hätten
beispielsweise schon acht Kinder (40%) der Experimentalgruppe einen Wert von
34-36 richtigen Antworten erreicht. Demgegenüber stand nur ein Kind (4%) aus
der Kontrollgruppe. Da der maximal erreichbare Wert bei 36 richtigen
Antworten liegt, sei es für diese Kinder kaum möglich gewesen, sich im
Follow-up-Test noch weiter zu verbessern.
Eine der Schwächen beider Studien ist sicherlich die
Verwendung nur eines einzigen Aufgabentyps (RCPM) zur Messung der
Veränderungen der fluiden Intelligenz (Gf). Da die Definition von Gf aus
faktoranalytischen Methoden stammt, welche auf die geteilte Varianz
unterschiedlicher Tests zurückgreifen um den Gf Faktor zu bestimmen, sollten
auch trainingsbedingte Zugewinne in Gf auf diese Weise erhoben werden. Denn
Jensen (1998) kam zwar zu der Schätzung, dass z.B. Ravens Progressive
Matrizen (RPM) zu ungefähr .80 mit der generellen Intelligenz korrelieren
würden. Falls aber einzig und allein die RPM zur Messung von Gf verwendet
werden, bleiben immer noch ca. 36% der Varianz übrig, die auf andere Faktoren
zurückzuführen sind. Shipstead, Redick und Engle (2010) vermuten, dass ein
Teil dieser Varianz z.B. durch die Antwortgeschwindigkeit oder durch die
Kapazität des räumlichen Gedächtnisses erklärt werden könne.
Sowohl die Forschungsgruppe um Torkel Klingberg
(Bergman Nutley et al., 2011; Thorrell, Lindqvist, Bergman Nutley, Bohlin
& Klingberg, 2009) als auch Joni Holmes und Kollegen (Holmes, Gathercole
& Dunning, 2009; Holmes et al., 2010) setzten daher in der Folge breite
Testbatterien ein, um Effekte des RoboMemo®- Trainings auf die
Intelligenztestleistungen zu untersuchen. In keiner der genannten Studien
gelang es, einen signifikanten Effekt des Arbeitsgedächtnistrainings auf die
Intelligenztestleistungen nachzuweisen. Allerdings könnte dies zumindest in
den Studien von Thorell et al. (2009) und Bergman Nutley et al. 2011 auch auf
das wesentlich jüngere Alter der Versuchspersonen (4-5 Jahre) und das
verringerte Trainingspensum (15 Minuten anstelle von 25-40 Minuten)
zurückzuführen sein. Holmes et al. (2009; 2010) fanden in ihren Studien mit
8- bis 11-jährigen Kindern zwar keine Effekte des Trainings auf die
Intelligenz, gemessen mit den Wechsler Abbreviated Scales of Intelligence
(WASI; Wechsler, 1999), lieferten aber Hinweise, dass das Training zumindest
im nahen Transfer auf Arbeitsgedächtnisaufgaben, gemessen mit dem Automated
Working Memory Assessment (AWMA; Alloway, 2007), einer Medikation mit
Psychostimulantien wie Methylphenidat, überlegen war. Dieser Effekt war auch
noch sechs Monate nach dem Training nachweisbar (Holmes et al., 2010).
Aufgrund des intraindividuellen Designs dieser Studie sind jedoch die
Ergebnisse nur bedingt interpretierbar, da der Einfluss von Retesteffekten
ungeklärt bleibt. In der 2009 veröffentlichten Studie (Holmes et al.) mit 42
Kindern, die wegen ihrer geringen Arbeitsgedächtniskapazität für ein Training
ausgewählt worden waren, hatte man diese Quelle der Konfundierung zunächst
durch den Einsatz einer aktiven Kontrollgruppe umgangen. Auch in dieser
Studie zeigten die Kinder, die adaptiv trainiert hatten, signifikant höhere
Werte im AWMA und in einer Transferaufgabe, die das Merken und Befolgen
mehrerer aufeinanderfolgender Instruktionen abverlangte. In einer sechs
Monate nach dem Training durchgeführten Follow-up-Untersuchung ließen sich
für die Experimentalgruppe sogar signifikante Verbesserungen in einem
standardisierten Mathematiktest (Wechsler Objective Numbers Dimension; Wond,
1996) feststellen. Durch den Verzicht im Follow-up auch die Kontrollgruppe zu
testen, um für Retest-Effekte oder natürliche Reifeprozesse zu kontrollieren,
bleiben allerdings auch diese Ergebnisse in ihrer Aussagekraft
eingeschränkt.
Insbesondere der misslungene Nachweis eines weiten
Transfers, gemessen mit dem WASI (Holmes et al., 2009; Holmes et al., 2010)
lässt Raum für Spekulationen hinsichtlich der Wirkungsweise des Trainings. So
geben Shipstead et al. (2010) zu bedenken, dass anstelle einer grundlegenden
Arbeitsgedächtnisverbesserung, auch die vermehrte Nutzung von Strategien, wie
z.B. das Zusammenfassen von Chunks, für die verbesserten Leistungen in den
Arbeitsgedächtnistests verantwortlich sein könnten. Schon Chase und Ericsson
(1982) berichten von dem Teilnehmer eines Experiments, der sich zu Beginn
eines Trainings lediglich 7 Zahlen merken konnte. Nach 264
Trainingsdurchgängen war er jedoch in der Lage bis zu 82 Zahlen fehlerfrei zu
behalten. Eine Befragung ergab, dass seine Leistung weniger auf
außergewöhnliche Verbesserungen in der Gedächtnisspanne, sondern auf den
Einsatz einer Mnemo-Strategie zurückzuführen war. Er hatte sich im Laufe des
Trainings angewöhnt, Zahlensequenzen mit Werten aus der Leichtathletik (z.B.
Rekorde, Jahre, Alter, etc.) zu assoziieren. Als Chase und Ericsson die
Präsentationszeit der Zahlen verdreifachten, um den Einsatz der
Mnemo-Strategie zu unterbinden, fiel die Leistung des Studenten auf 8-9
gemerkte Zahlen zurück. Interessanterweise berichten auch Holmes und Kollegen
(2010) vom Einsatz unterschiedlicher Strategien ihrer Probanden. In einem
Nachinterview hatten sie die Kinder befragt, was ihnen geholfen habe, ihre
Leistungen im Laufe des Trainings zu verbessern. Auch wenn keines der Kinder
vom Einsatz der Chunking-Methode berichtete, so gaben doch 37 % an, sich
durch Schließen der Augen besser konzentriert zu haben oder sich mehr auf die
präsentierten Informationen fokussiert zu haben. Wiederum 27 % berichteten
vom Einsatz eine Reihe anderer Strategien, wie z.B. aktives Wiederholen
(Rehearsal) oder das Verfolgen der Muster auf dem Bildschirm mit den Augen.
Somit könnte zumindest ein Teil der Zugewinne im AWMA auf den vermehrten
Rückgriff auf unterstützende Strategien zurückzuführen sein.
Teicher, M.H., Anderson, C.M., Polcari, A.,
Glod, C.A., Maas, L.C., & Renshaw, P.F. (2000). Functional deficits in basal
ganglia of children with attention deficit/hyperactivity disorder shown with
functional magnetic resonance imaging relaxometry. Nature Medicine, 6,
470±473.
Teicher, M.H., Ito, Y., Glod, C.A., &
Barber, N.I. (1996). Objective measurement of hyperactivity and attentional
problems in ADHD. Journal of American Academy for Child and Adolescent Psychiatry,
35, 334±342.